Vom Brauchtum zur Weihnachtszeit

© 2005 Silvia Friedrich

Keiner weiß, was Herzogin Dorothea Sybille von Schlesien im Jahre 1611 dazu bewogen hat, in ihrem Schloß einen kerzengeschmückten Tannenbaum aufzustellen. Überliefert ist jedoch, daß es der erste Tannenbaum überhaupt gewesen sein soll. Die eigentliche Entwicklung des Christbaumes hat keinen eindeutig zu benennenden Anfang. In vielen Kulturen ist der immergrüne Baum Zeichen des Lebens, das Grün ein Symbol für Hoffnung. So lag es nahe, sich Zweige ins Haus zu holen, um an der besonderen Kraft alles Grünen teilhaben zu können. Erst im Verlauf des 18. Jahrhunderts waren Tannenbäume immer häufiger in den Häusern der Reichen und Adeligen zu finden, jedoch nur in den Stuben evangelischer Familien. Der Christbaum wurde schnell zum Weihnachtssymbol der Protestanten in Abgrenzung zur katholischen Sitte des Krippe-Aufstellens. In den Gegenden im Süden Deutschlands stieß der "heidnische" Brauch daher auf strikte Ablehnung. Erst später im 19. Jahrhundert eroberte der lichtgeschmückte Baum schließlich auch alle katholischen Regionen in Europa. Viele Auswanderer des 18. Jahrhunderts nahmen den Brauch mit nach Amerika. Dort konnte man sich bereits 1876, nur drei Jahre nachdem Edison die Glühlampe erfunden hatte, an der ersten elektrischen Weihnachtsbeleuchtung erfreuen.

Der Ursprung eines anderen Brauches zur Weihnachtszeit ist nicht genau zu nennen, jedoch soll einer Legende nach Franz von Assisi 1223 im Wald von Greccio das Weihnachtsgeschehen in einen wirklichen Stall mit Futterkrippe, einem Ochsen und Esel, aber ohne heilige Figuren verlegt haben. Es wird vermutet, daß von dort aus der Krippenbrauch mit Unterstützung der Franziskaner und Jesuiten seine weltweite Verbreitung aufnahm. Auch unter dem Einfluß der Jesuiten wird in Deutschland die erste Krippe 1601 in Altötting aufgestellt. Das mehr zur Volksfrömmigkeit gehörende Krippenwesen findet in Deutschland seine Blütezeit im Barock. Da volkstümliche Krippenkunst etliche Zeit später nicht mehr in das gedankliche Konzept der Aufklärung paßt, ergeht in Bamberg im Regierungsblatt für die Kurpfalz-Bayrischen Fürstentümer in Franken ein allgemeines Krippenverbot. Ob die Bevölkerung sich daran hielt, mag bezweifelt werden. 1825 wird das Verbot von König Ludwig I. wieder aufgehoben. Der Krippenbrauch hatte überlebt und wird heute in aller Welt ausgeübt. Dem Aufstellen des Weihnachtsbaumes und der Weihnachtskrippe geht die Adventszeit voraus. Im 6. Jahrhundert wurde von Papst Gregor der vierte Sonntag vor Weihnachten als Beginn der Adventszeit, der Zeit des Wartens auf die Ankunft von Jesus Christus, festgelegt. Neben vielem anderen Schmuck, ist der Adventskranz das wohl schönste Symbol der Vorweihnachtszeit. Der evangelische Theologe Johann Hinrich Wichern soll im 19. Jahrhundert verwahrlosten Kindern, die er bei sich aufgenommen hatte, die Zeit bis zum Fest verkürzt haben, indem er auf einem Holzring neunzehn weiße und vier größere rote Kerzen anbrachte. Zur täglichen Andacht wurden die Kerzen angezündet und zeigten den Kindern wie lange sie noch zu warten hatten. Später reduzierte sich die Anzahl der Kerzen dann auf vier. Der zu Weihnachten, mittelhochdeutsch "wihenaht", also zu den "geweihten Nächten" gehörende Christstollen stellt das in Windeln gewickelte Jesuskind dar. Dieses anfänglich magere Gebäck für das katholische Adventsfasten, bestehend aus Mehl, Hefe, Wasser und Öl, wurde schon 1330 in Naumburg an der Saale urkundlich erwähnt. Etliche Jahre später stieg Dresden mehr und mehr zur Hochburg des "Striezels" auf. Kurfürst Ernst von Sachsen und sein Bruder Albrecht schickten 1450 eine Bitte an Papst Nikolaus V. Hierin baten sie den Heiligen Vater, das Butter-Verbot aufzuheben und gehaltvollere Zutaten zuzulassen. Der Papst gab der Bitte nach, knüpfte an seinen sogenannten "Butter-Brief" jedoch die Bedingung, daß eine Buße gezahlt werden mußte. Fortan wurde der Dresdner Stollen weltberühmt. Der älteste Weihnachtsmarkt Deutschlands, der Dresdner Striezelmarkt, verdankt seinen Namen diesem edlen Gebäck.

Die Pflege des Brauchtums zur Weihnachtszeit intensiviert nicht nur die Vorfreude, sondern läßt uns Menschen heute ein wenig in die Welt unserer Vorväter blicken und einer Zeit ganz nahe sein, die ansonsten unerreichbar der Vergangenheit angehört.